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Notaufnahme für Unglücksraben

Storchenbeauftragter Peter Reuße und Tierparkchefin Janina Kraemer nehmen die verletzte Storchenmutter in Augenschein. Storchenbeauftragter Peter Reuße und Tierparkchefin Janina Kraemer nehmen die verletzte Storchenmutter in Augenschein. Foto: Heiko Betat

Riesa. Es herrscht Hoch-Zeit in der Riesaer Wildvogelauffangstation. „Weil jetzt die Jungstörche ausfliegen“, erklärt Janina Kraemer, die als Chefin des Riesaer Tierparks auch die „Notaufnahme für Unglücksraben“ unter ihren Fittichen hat. Die Einrichtung ist die einzige ihrer Art in der Region Riesa. Schon seit vielen Jahren wird der Tierpark Riesa vom Landratsamt Meißen beauftragt, „verletzte Wildvögel aufzunehmen, bei Bedarf hier zu pflegen, diese wieder auszuwildern oder in Haltung zu vermitteln"“, so Janina Kraemer. Und so gehören unterschiedliche Falkenarten, Schleiereulen, Singvögel, Mauersegler und eben auch Weißstörche zu den temporären Gästen der Station.


Bei den Rotstrümpfen wird von April bis August gebrütet, dann braucht der Nachwuchs noch etwa zwei Monate, um flügge zu werden. Um sicher durch die Lüfte gleiten zu können, werden etwa zwei Wochen für Flugversuche benötigt. „Da passiert öfter was“, weiß die Tierparkleiterin. Und bevor sie weiter ins Detail gehen kann, trifft ein weiterer Notfall ein: eine Storchenmutter und zwei 16 bis 17 Tage alte Jungtiere.
Peter Reuße, Storchenbeauftragter für den Altkreis Großenhain, hat die Kartons mit den Vögeln bereits neben das Auto gestellt und geöffnet. Janina Kraemer nimmt vorsichtig den Altvogel aus seinem Transportbehältnis, der das widerstandslos mit sich geschehen lässt. Die Störchin habe seit gestern nichts gefressen, teilt Peter Reuße mit.  Entdeckt wurde sie von einem Spaziergänger, der mit seinem Hund an der Straße zwischen Skässchen und Strauch nördlich von Großenhain unterwegs war. Ein Rückspiegel, der an der Unfallstelle gefunden wurde, lasse darauf schließen, dass dem Vogel ein VW Caddy zum Verhängnis geworden war, dessen Fahrer das Tier offensichtlich seinem Schicksal überließ.
Peter Reuße ist die Verärgerung anzumerken. Denn das Ganze zieht eine Kette nach sich. Im frühen Stadium müssen junge Störche durch die Alttiere noch gewärmt werden. Im konkreten Fall: Kehrt Mutter Störchin nicht wieder, harrt Vater Storch am Nest aus. Niemand ist da, der für Nahrungsnachschub sorgen kann. Die Jungvögel müssen zwangsläufig verhungern. Dieses Schicksal bleibt dem gut zwei Wochen alten Geschwisterpaar erspart – dank Peter Reuße und Janina Kraemer samt Team. Die Chancen für den Nachwuchs stehen gut, macht die Tierparkchefin Hoffnung. Stirnrunzeln hingegen beim Altvogel. Es scheint nicht nur ein Bein gebrochen zu sein. Auf jeden Fall muss ein Tierarzt konsultiert werden.


Laut Peter Reuße sind die Verkehrsunfälle mit Störchen ein Nachwendephänomen. „Zu DDR-Zeiten war so etwas unbekannt.“ Neben dem weitaus höheren Verkehrsaufkommen sieht er eine weitere Ursache in den regelmäßig gemähten Straßenrändern und -gräben, die Störche nachgerade zur Futtersuche einladen.
Es sind bei Weitem nicht nur Weißstörche, denen häufig der Autoverkehr zum Verhängnis wird. In der      Riesaer Wildvogelauffangstation „gelandet“ ist auch ein Wanderfalke, der – unfallbedingt – auf einem Auge erblindet ist. Dieser teilt sich derzeit die Voliere mit weiteren Rekonvaleszenten. Darunter eine Sumpfohreule, die mit einer Flügelverletzung an einer Landstraße gefunden wurde. Für einen Mäusebussard hingegen endete ein Fahrzeugkontakt recht glimpflich. Er kann wohl schon bald wieder in die Freiheit entlassen werden. Weniger Glück hatte der Rotmilan, der sich bei einem Anflug gegen ein Gebäude den Flügel brach, aber offenbar schon zuvor verletzt war. Der Flügel musste amputiert werden. Demnächst wird der Greifvogel an einen Halter weitervermittelt, wo er eventuell für Nachwuchs sorgen wird. „Wieder ausgewildert werden nur unversehrte Tiere“, erklärt Janina Kraemer. Diesbezüglich stimme man sich eng mit den Beringern der Region und den Revierbetreuern ab, die sich in den Brutrevieren gut auskennen. Erst kürzlich konnte so ein in der Auffangstation abgegebener, etwa einwöchiger Turmfalke, der noch sein Daunenkleid trug, zu anderen Jungvögeln in ein Nest gesetzt werden.
Neben den Weißstörchen sind es derzeit vermehrt Turmfalken, die in Notlagen geraten. Erst kürzlich wurden drei Exemplare vom Feralpi-Werksgelände geborgen, die dort ihre ersten unsicheren Flugübungen absolvierten.  Heiko Betat